Lieber Ralph Bollmann, Ihren Kommentar in der FAZ am Sonntag bezüglich meiner Zunft möchte ich nicht ohne Gegenrede stehen lassen.
Zunächst lassen Sie mich auf Ihre These “Der Kunde weiß, was er will” eingehen: das mag durchaus sein, dass er -getrieben von Werbung oder Empfehlungen von Verwandten und Bekannten- glaubt zu wissen was er will. Aber genau hier greift eine gute Apotheke schon ein und fragt eben noch einmal nach. Denn nicht immer ist das, was man glaubt zu wissen, das was man wirklich benötigt. Dann geht es weiter, dass wir ja immer irgendetwas verkaufen wollten. Natürlich leben wir vom Verkauf der Arzneimittel. Trotzdem habe ich während des Studiums und in zahlreichen Fortbildungen immer gelern, dass “beraten” auch “abraten” heißt.
Weiter schreiben Sie, dass es bei Verschreibungen durch den Arzt keinerlei Beratung durch Apotheker bzw. deren Mitarbeiter braucht, weil sich die ärztlichen Kollegen ausreichend Zeit zur Aufklärung nehmen würden. Scheinbar waren Sie selbst schon lange nicht mehr beim Arzt, denn während die Wartezimmer dort immer voller werden, haben unsere Kollegen im weißen Kittel kaum Zeit um irgendetwas zu erklären. Aus meiner eigenen Praxis kann ich berichten, dass Patienten sehr häufig gar nicht wissen wie sie das verordnete Medikament anwenden sollen.
Bleiben die Notfälle und die Herstellung von individuellen Rezepturen. Auch hier sind Sie selbst wohl bisher von solchen misslichen Lagen verschon geblieben, in denen Sie mehrere Kilometer von der Notfallpraxis zur nächsten Apotheke fahren mussten. Hätten Sie uns gebraucht, wüssten Sie, dass das Netz des Apothekennotdienstes in den letzten Jahren stark ausgedünnt wurde und die Fahrwege für unsere Patienten deutlich länger geworden sind.
Ich selbst schreibe Ihnen gerade aus dem Notdienst und die Menschen, die bei mir heute anrufen oder vorbeikommen sind dankbar, dass ich da bin. Ob für verschreibungspflichtige oder rezeptfreie Medikamente.
Auch bei den Rezepturen ist eine Flächendeckung, die noch vorhanden ist, durchaus sinnvoll. Denken Sie an Krisenfälle oder Pandemien (war da nicht mal was?). Hier hat sich das Apothekennetz extrem bewährt und wir konnten damals -Sie erinnern sich vielleicht?- Desinfektionsmittel selbst herstellen. Noch haben wir knapp 17.000 Betriebsstätten bei der jede ein funktionierendes Labor aufweisen kann. Ob das für den Krisenfall reicht? Ich weiß es nicht und möchte es ehrlich gesagt auch nicht erleben.
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich einmal in einer Apotheke bei Ihnen in der Nähe kundig machen WAS wir alles leisten. Und ich glaube Sie würden sich wundern, denn viele Ihrer Vorwürfe treffen einfach nicht zu.
Allein eines möchte ich gelten lassen: die Verträge der Krankenkassen erschweren uns die Versorgung. Aber, auch das muss erwähnt werden: diese Verträge sparen 5 Mrd Euro pro Jahr an Kosten ein. Und das unterstützen wir Apotheken sogar noch indem wir das lästige Inkasso für die Krankenkassen bei der Zuzahlung durchführen.